… rätselhaftes Schweigen

Neulich rief mich ein Kollege an und fragte, ob ich das Buch des ehemaligen ZDF-Intendanten Dieter Stolte kenne: „Mein Leben mit dem ZDF”? Vom Titel hatte ich gehört. In den Nachrufen auf Dieter Stolte, der 2023 gestorben ist, wurde das Buch erwähnt. Gelesen habe ich es aber nicht. „Du solltest es unbedingt lesen, denn es enthält eine Überraschung.”
Also habe ich gelesen. Dieter Stolte „Mein Leben mit dem ZDF, Geschichte und Geschichten” Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 2012. Das Buch ist ein informatives Dokument der vielfältigen ZDF-Geschichte von 1962 bis 2002. In 91 Kapiteln beschreibt Dieter Stolte zahlreiche Fernseh-Ereignisse.
Aber dann die Überraschung: Ein Loch.

Es fehlt der massive Streit des ZDF mit BASF, BAYER und HOECHST. Das ZDF hatte den chemiekritischen Film „Vergiftet oder arbeitslos?” 1982 gesendet. Die Chemiekonzerne waren empört wegen Rufschädigung. Mit der Drohung einer Millionenklage wegen „Kreditschädigung” wurde das ZDF gezwungen, die weitere Verbreitung des Films zu stoppen. Für mich als Autor des Films wurde der Streit riskant, weil es Verwertungs-Verträge mit Buchverlag und Filmverleih gab. Die Resonanz der Presse war gewaltig, wie einige damalige Headlines zeigen.
Es war wohl der größte Justizskandal in der Geschichte des ZDF, der sogar zu einer Anfrage im Deutschen Bundestag geführt hat. Kein Wort dazu in Stoltes Buch. Das Verschweigen von so gravierenden Ereignissen ist ein Regelbruch jounalistischer Gesetze und widerspricht allen Kriterien von korrekter Informations-Vermittlung eines öffentlich-rechtlichen Senders.
Dieter Stolte hatte drei Berater, die sein Manuskript gelesen haben, um ihn „vor Fehlern zu bewahren” (Stolte S.16) Haben die Drei das Loch nicht sehen können oder nicht sehen wollen…?
Nach der Lektüre des Buches habe ich mich gefragt: Warum hat der Intendant den Super-GAU seiner Karriere verschwiegen? Auf der Suche nach einer plausiblen Antwort habe ich eine Hypothese und beziehe mich zur Begründung auf das Buch „Vergiftet oder arbeitslos? Der Fall: ZDF-Wember-Chemie”, Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1983.

Es ist eine Qual, heute mein Buch zu lesen. Der umfangreiche Fakten-Friedhof ist für Leserinnen oder Leser ermüdend. Seinerzeit habe ich wegen der juristischen Risiken des Skandals alle relevanten Daten dokumentiert. Von der umfangreichen Publikation wurden Belegexemplare an die ZDF-Leitung und an die ZDF-Rechtsabteilung übermittelt. Es gab keinen einzigen Widerspruch. Es wurde auch keine Einstweilige Verfügung erwirkt. Die Informationen meines Buches wurden also akzeptiert.
Die Drohungen der Chemiekonzerne gegen das ZDF waren massiv. Bei der angekündigten Klage wegen Kreditschädigung ging es um Millionen. Die juristischen Risiken waren für das ZDF gefährlich. In der Führungsetage gab es Symptome von Panik. In dieser aufgeheizten Lage wurde folgende Behauptung aufgestellt:
„Der Intendant ist vom Autor getäuscht worden. Vertraglich sei abgemacht gewesen ein rein medienkundliches Forschungsprojekt. Tatsächlich aber hat der Autor dem ZDF einen politischen Agitationsfilm untergejubelt.” („Vergiftet oder arbeitslos?” S. 54 f)
Sehr seltsam. Der Intendant hatte den Film zweimal angeschaut. Der Intendant hatte den Film sogar von einem Forschungsinstitut testen lassen. In der Krise aber behauptete der Intendant, der raffinierte Autor habe dem ahnungslosen ZDF einen bösartigen Agitationsfilm „untergejubelt”.
Die Brisanz der Krise wird daran deutlich, dass der Intendant und ich dreieinhalb Stunden in der Chefetage miteinander diskutiert hatten. Am Ende unserer Auseinandersetzung hat der Intendant freimütig zugegeben, dass der geäußerte Vorwurf des Betruges und des “Unterjubelns” falsch war. Auf meine Frage, warum er eine solche Behauptung überhaupt aufgestellt habe, gab er die Antwort, das habe der Justitiar von ihm gefordert als notwendiges Entlastungs-Argument gegenüber den Chemiekonzernen.
Ich frage mich, wie sowas damals möglich gewesen ist.
„…in dieser verfahrenen Lage hatte im ZDF kein Intendant, kein Programmdirektor, kein Chefredakteur auch nur das Mindeste zu entscheiden. Die Entscheidungen wurden einzig und allein vom Justiziariat getroffen.” (Vergiftet oder arbeitslos? S.26)
War die Erinnerung an diese Situation für Dieter Stolte so unerträglich, dass er das größte Desaster seiner Karriere verschwiegen hat? Entstand deshalb im Sommer 2012 das Loch in seinem Buch? So könnte es gewesen sein…
Dem Intendanten und seinen Beratern müsste klar gewesen sein, dass dieser mediale Super-GAU nicht verschwiegen werden durfte. Ein kurzer Hinweis wäre notwendig gewesen, dass es den Chemie-Skandal gegeben hat. Aber dazu hat Dieter Stolte offensichtlich der Mut gefehlt.

Aus zeitlicher Distanz habe ich im Jahr 2023 versucht, meine gesamte Medienarbeit für das ZDF kritisch zu sortieren. Auf dieser Website gibt es das Kapitel „Der Medien-GAU”. In dem Kapitel hatte ich zum Intendanten Stolte Folgendes geschrieben:
„Trotz aller Geheimhaltung hatten die Chemie-Konzerne Informationen über einen kritischen ZDF-Film bekommen. Das ZDF bekam ebenfalls deutliche Hinweise, dass die chemische Industrie massive Angriffe gegen den Film vorbereitet. In dieser Situation hätte der Intendant entscheiden können, den Film nicht zu senden, weil das Risiko für das ZDF zu hoch sei. Aber er entschied, den Film zu senden, weil er an den Erfolg meiner Arbeit geglaubt hat. Diese mutige Entscheidung des Intendanten Dieter Stolte habe ich bewundert. Deshalb bin ich auf seine Vorschläge zur Reduzierung der juristischen Risiken eingegangen. Einvernehmlich haben der Intendant und ich eine Doppel-Strategie vereinbart.”
„Ohne die Risikobereitschaft des Intendanten hätte mein Film nie die Öffentlichkeit erreicht. Ohne die Ausstrahlung im ZDF hätte mein Film nie den Deutschen Kritikerpreis bekommen. Deshalb kann der Preis auch interpretiert werden als Anerkennung für das ZDF.”
Dabei bleibt es.
Aber das Loch in Stoltes Buch hätte gestopft werden müssen mit dem Hinweis:
Verschweigen war noch nie eine gute Lösung.