Das Irland-Modell
Ausschnitt aus der Sendung „Wie informiert das Fernsehen?”
Die Testergebnisse der Bild-Text-Schere waren eindeutig. Das Publikum kann anspruchsvolle Texte über komplizierte Zusammenhänge nicht verstehen und behalten, wenn turbulente Filmbilder ablenken. Anspruchsvolle Textinformationen sind in Verbindung mit klaren Grafiken wesentlich verständlicher.
Auf dem Hintergrund dieser empirischen Beweise habe ich mit einem filmischen Experiment testen wollen, ob die komplizierten historischen Fakten des irischen Bürgerkrieges mit prägnanten Grafiken effektiver vermittelt werden können.
… der bemerkenswerteste Gewinn: Wember hat nicht nur analysiert und kritisiert, sondern er hat ein Gegenmodell umgesetzt. Die Schubkraft eines mediendidaktischen Modells, klare Grafiken und verständlicher Text …
Süddeutsche Zeitung
… gerade Wembers Versuch, nicht bei der Diagnose stehen zu bleiben, sondern die Kritik konstruktiv zu ergänzen, ist besonders einleuchtend. So eigentlich stelle ich mir Medienkritik in den Medien vor …
Frankfurter Allgemeine Zeitung
… die vorzügliche Studie übertraf die Erwartungen. Die Alternative des Wissenschaftlers ist ebenso radikal wie einleuchtend. Seine Information über den Nordirland-Konflikt wird durch anschauliche Zeichentricks und nackte Zahlen vermittelt…Komplizierte Sachverhalte können wohl nur auf diese Weise dargestellt werden …
Das Parlament Tele-Forum
… im Allgemeinen wird es anderer Techniken bedürfen, des Schaubildes, des Lehrfilmes …, um die Faktoren hinter den Fakten zu zeigen. Um, wie es Wember tat, den Streit zwischen Katholiken und Protestanten in Irland auf den Kampf zurückzuführen, den die Beraubten gegen die Räuber ausfechten… Das war beispielhaft und schulbildend …
Die Zeit
In der medialen Berichterstattung wird der Bürgerkrieg in Nordirland meistens dargestellt als anachronistischer Religionskonflikt zwischen Katholiken und Protestanten. Historiker dokumentieren aber eine grausame Kolonialgeschichte. Durch Jahrhunderte wurde die irische Insel von der englischen Militärmacht unterdrückt und ausgebeutet.
In meiner stilisierten Darstellung habe ich symbolische grafische Elemente entwickelt, die sich bewegen und mit markanten Geräuschen unterlegt sind. Die Modell-Bewegungen werden im Off mit knappen Sätzen kommentiert.
Von dem 10-minütigen Trickfilm kann ich hier nur einige exemplarische Standfotos zeigen, da das ZDF-Zeitlimit für Zitate aus dem Film „Wie informiert das Fernsehen?” schon ausgeschöpft ist.
Englische Truppen überfallen Irland.
Aggressive Pfeile nehmen Irland in die Zange.
Marschgeräusche.
Aufstände der Iren gegen die Eroberer werden vom Militär niedergeschlagen.
Flackernde Blitze werden von den Pfeilen gelöscht.
Geräusche von Panzerketten.
Da der irische Widerstand zu massiv wird, ändert die Besatzungsarmee ihre Strategie.
Die Zangenpfeile ändern ihre Position.
Marschgeräusche und Panzerketten.
Von der grünen Insel Irland wird die Provinz Nordirland abgespalten und zum blauen Teil des vereinigten Königreichs.
Zangenpfeile sprengen eine Ecke vom Rechteck Irlands ab.
Maschinengewehre.
Visualisierung des komplizierten Bürgerkriegs:
1. Die katholische IRA will mit Bombenterror die englische Armee vertreiben und die Wiedervereinigung mit Irland erzwingen.
Blitze, Explosionen.
2. Die englische Armee will sich aus dem verlustreichen Bürgerkrieg zurückziehen.
Zangenpfeile entfernen sich. Panzerketten.
3. Protestantische Unionisten halten die britische Armee fest als Garantie-Macht für den Verbleib der Provinz bei England.
Haken ziehen die Zangenpfeile zurück, Nationalhymne.

Für die Beurteilung meines Irland-Modells ist folgendes Kriterium wichtig: Die komprimierte Form der Darstellung ist nur als mögliche Ergänzung zu filmischen Reportagen gedacht – nicht als Ersatz für Filmberichte.
Nach der Sendung bekam ich vom ZDF-Publikum viele Zuschriften zum Irland-Modell mit der Tendenz: „Endlich haben wir den irischen Bürgerkrieg verstanden.“ In einigen Briefen wurde sogar das grafische Modell nachgezeichnet.
Es gab aber auch sehr grundsätzliche Bedenken gegen meine grafische Methode der Informationsvermittlung. Renommierte Fachleute haben in der Tradition der Filmreportage meinen grafischen Trickfilm scharf kritisiert:
Grundsätzliche Kritik
… da ist sie, Max Horkheimers Vision vom verlorenen Ausdruck. Kommunikation per Signal. Orwell. Rattatata, das sind 1000 Tote. Bürgerkrieg ist siiiuuumphhh! Die Pfeile, Kreislein und Blitzlein aus der Trickkiste erinnern an amerikanische Reklamespots. Man versteht: Caries. Aber nein, das ist Irland, wo Blut fließt. So haben sie im Pentagon Vietnam gespielt. Der Herr verschone uns. Aber weitermachen soll der Wember. Und noch gnadenloser soll er sein …
Dagobert Lindlau, Chefreporter des Bayerischen Rundfunks. Meinungsbeitrag in Funk-Korrespondenz
… ob das eigene Hintergrundmodell in Wembers Film am Schluss gut platziert war, bleibt eine Frage. Wember hätte selbstverständlich den Film an der Stelle, an der das Schlussmodell beginnt, stehen lassen können. Völlig unwissenschaftlich, aber publizistisch und intersubjektiv überzeugend leitet er dieses Modell wie folgt ein: „Ich finde es nicht gut, wenn nur kritisiert wird.” Missverständlich wirkt das Schlussmodell, weil der Eindruck entstehen könnte, Wember proklamiere den puristischen Grafik-Film als einzige Methode, um Hintergründe zu durchleuchten …
Rupert Neudeck, Vor Gründung von Cap Anamur. Redakteur beim Fernseh-Dienst. Meinungsbeitrag in Funk-Korrespondenz
… ist Wembers schematische Aufbereitung der irischen Geschichte unter Englands Vorherrschaft, die stark an die britischen Polypenarme der Naziplakate erinnert, ist sie informativer? Ist Information im Fernsehen eine Vermittlung von objektiven Tatsachen? Nur realitätsferne Schulfuchserei kann das proklamieren. Unsere erste Aufgabe ist eine ganz andere: den lebendigen Eindruck vermitteln von dem, was ist. Wobei wir natürlich immer versuchen, möglichst viel historische, politische, wirtschaftliche Fakten hineinzujubeln. Wer mehr wissen will, muss sich schon in Büchern, in politischen Zeitschriften informieren, dazu sind die anderen Medien da. Und übrigens: Was hat denn der Zuschauer von Wembers viertelstündigem Schnellsiedekurs über Irland gehabt? Wo blieb da Irland als Volk, dessen Charaktereigenschaften am eigenen Schicksal mitschuldig sind? …
Georg Stefan Troller. Dokumentarfilmer, ZDF-Sonderkorrespondent in Paris. Meinungsbeitrag in Funk-Korrespondenz
Georg Stefan Troller hat mich damals nach Paris eingeladen, um unsere Meinungsverschiedenheiten zu klären. Wir hatten kollegial sachliche Diskussionen, die aber inhaltlich kontrovers blieben. Troller verurteilte mein grafisches Irland-Modell als eine obszöne Vergewaltigung (sic!) seines irischen Reportagefilms.
Mein Gegenargument war: Verehrter Troller, testen Sie mal die Wirkung Ihres Films. Die Testpersonen werden begeistert sein über ein emotionales Filmerlebnis. Aber Ihre Hintergrundinformationen über die historischen Ursachen des irischen Konflikts verdampfen spurlos im Bilderzauber Ihres Reportagewerkes.
Mein Lösungsvorschlag: Das grafische Irland-Modell ist nicht als Ersatz gedacht für Trollers Reportagen, sondern nur als eine informative Ergänzung, mit deren Hilfe komplizierte historische Zusammenhänge effektiver vermittelt werden können. Über dieses Konzept demokratischer Urteilsbildung für das TV-Publikum war leider keine Verständigung möglich. Aber wir haben versucht, unsere gegensätzlichen Überzeugungen tolerant zu ertragen.