Der Kompromiss

Beilegung des Streits um den Film „Vergiftet oder arbeitslos?“

Verhandlungen

Nachdem die Turbulenzen des Medienskandals einigermaßen abgeklungen waren, wollte ich einen Versuch unternehmen zur Rettung meines Films. Ich habe beim ZDF angefragt, ob Verhandlungen für einen Kompromiss mit der chemischen Industrie möglich sind. Das ZDF hat abgelehnt.

Also habe ich auf eigene Faust Verhandlungen mit den Konzernen aufgenommen. Mein Anwalt hat den Kontakt hergestellt und es kam zu schwierigen Verhandlungen, sehr kontrovers, aber sachlich.

Das Ergebnis

1. Provokative Formulierungen, die von der Industrie als beleidigend angesehen werden, müssen im Ton gelöscht werden. Der Film blieb ungekürzt in voller Länge erhalten. In dem brisanten Satz wurde nur ein Wort gelöscht:

„Was die chemische Industrie mit der Landwirtschaft macht ist ein XXXXXXXX“

2. Zu einigen kritischen Aussagen des Films wurden Schrifttafeln eingeblendet, um die Meinung der chemischen Industrie anzuzeigen.

3. Der Rauschgift-Vergleich des SPIEGEL-Titels musste geschwärzt werden.

4. Die Konzerne waren damit einverstanden, dass der Film in voller Länge, aber mit diversen Korrekturen als Videokassette von ATLAS-Film veröffentlicht werden kann.

ZDF-Chemie-Einigung

Das ZDF war nicht erfreut über den Kompromiss, den ich mit den Konzernen ausgehandelt hatte. Denn ich hatte eigenmächtig verhandelt. Mit der erzielten Zustimmung der Chemie wollte ich dem ZDF eine Brücke bauen, um den Film doch noch freizugeben. Aber das ZDF lehnte ab.

Als Vermittler ist dann der generalbevollmächtige Anwalt der Chemiekonzerne tätig geworden, denn er fand meine neue Filmform interessant. Er ist auf den Intendanten des ZDF zugegangen, um eine Lösung zu ermöglichen. Das Ergebnis: Juristen vom ZDF und von den Chemiekonzernen haben für die Videokassette einen Einleitungstext ausgehandelt, der die gesamte Geschichte des Skandals protokollierte.

Fußfessel

Bedingung für den Kompromiss war, dass der staubtrockene, juristisch formulierte Text mit seinen 40 Paragrafen auf der Videokassette verlesen werden musste. Das wirkte wie eine juristische Fußfessel, mit der die Verbreitung der Videokassette eingeschränkt und behindert werden sollte.

Der Text war von den Juristen ganz bewusst in der Ich-Form geschrieben worden. Denn eine weitere Bedingung war, dass ich diesen sterilen Juristentext als meinen eigenen vorlesen musste. Ich wollte den erhofften Kompromiss nicht scheitern lassen. Also habe ich mit demonstrativem Desinteresse den fremden Text gelangweilt abgelesen, ohne in die Kamera zu schauen.

Jetzt konnte die Videokassette mit Film und Einführungstext von ATLAS-Film produziert werden.

Langzeitwirkung

Mehrere Naturschutz-Organisationen haben 2019 aufwändig mit Plakaten eingeladen zur Präsentation des Films „Vergiftet oder arbeitslos?“. Im Hamburger Kino ABATON wurde der 40 Jahre alte Film vor großem Publikum gezeigt.

Die Präsentation auf Breitwand hat die Probleme der Kompromissfassung deutlich gemacht.

1. Der überlange, juristische Einleitungstext, den ich im TV-Studio ablesen musste, war für das Publikum im Kino eine unerträgliche Zumutung. Der Text wirkte tatsächlich wie eine Fußfessel.

2. Die vereinbarten Tonlöschungen im Film sind vom Publikum mit Heiterkeit aufgenommen worden, weil der Tatort-Kommissar Bayrhammer an den kritischen Stellen nur die Lippen tonlos bewegte. Im Publikum gab es lautstarkes Rätselraten, was für schlimme Texte wohl gelöscht worden sind.

3. Bei meinen Verhandlungen mit der chemischen Industrie habe ich die Wirkung der Eingriffe völlig falsch eingeschätzt. Meine filmische Vermittlung komplexer Zusammenhänge wurde durch die Zugeständnisse in der Kompromissfassung massiv gestört.

4. Unabhängig von den störenden Eingriffen des Kompromisses hat die Vorführung im Kino ein weiteres Problem erfahrbar gemacht. Die Sehgewohnheiten haben sich im Lauf von 40 Jahren radikal verändert. Dem Film fehlt das aktuell übliche Tempo. Die filmische Argumentation ist für heutiges Publikum zu langsam. Vor allem irritiert der ausführliche Aufbau von Beweisketten. 1982 war das alles kein Problem.

5. Sämtliche Symbolmodelle, mit denen die 9-Bild-Teilung kombiniert wurde, sind für den Film gebaut und in Bewegung gefilmt worden. Diese Form der Bildsprache war damals völlig neu. Computergenerierte Bildgestaltung gab es noch nicht. Deshalb wirken manche Modellbewegungen aus heutiger Sicht etwas simpel.

6. Nach dem ZDF-Chemie-Skandal war die geplante weitere Zusammenarbeit mit dem ZDF nicht mehr möglich. Als Hochschullehrer konnte ich das Privileg der Freiheit von Lehre und Forschung nutzen. Von der Universität wurden mir weiterführende Forschungsprojekte ermöglicht.
Aber diese Arbeiten gehören nicht mehr zu meiner TV-Geschichte.